Esslingen, Stadtbibliothek   15.01.2015

Vorankündigung Esslinger Zeitung, 14. 01. 2015

15-01-2015 EZ Vorankuendigung


 

Kreatives Kauderwelsch und Klangcollagen

Kritik Esslinger Zeitung, 17. 01. 2015

ESSLINGEN: Das Trio Exvoco bietet dem Publikum der Reihe „Resonanz Musik“ im Kutschersaal überraschende Hörerlebnisse

Von Rainer Kellmayer

Was ist Kunst? Eine einfache Antwort auf diese komplexe Frage hat der deutsche Maler und Dichter Kurt Schwitters bereits 1926 gefunden: „Kunst ist Rhythmus.“ Rhythmus als ordnendes und gestaltendes Element zog sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge eines vom Verein Tonart und der Stadtbücherei Esslingen im Kutschersaal veranstalteten Gesprächskonzertes.

Zum Auftakt eines dreiteiligen Programmschwerpunkts in der Reihe „Resonanz Musik“ widmete sich das Trio Exvoco mit einem vielschichtigen Programm der Sprache als Kunstform. Angelika Meyer, Frank Wörner und Ewald Liska zeigten eindrucksvoll, welch mannigfache Bandbreite an Lauten, Geräuschen und perkussiven Mustern mit Hilfe von Stimmbändern, Zunge und Lippen produzierbar ist.

Der Komponist und Autor Gerhard Rühm verwendete in seinen dokumentarischen Sonetten gewöhnliche Zeitungstexte: Er stellte sie um, brachte sie in Versform. Durch fünf vorgegebene Betonungen pro Zeile änderten sich Wortsinn und Sprachmelodie völlig, erhielt der Text einen rhythmischen Puls. Während Georges Aperghis in seinen „Recitations“ ostinate Sprachmuster einsetzte, machte Dieter Schnebel seine „Redeübungen für Hand und Mund“ zum darstellerischen Gesamtkunstwerk. Ewald Liska setzte die rhythmisierte Sprache – synchronisiert mit einzelnen Vokalen zugeordneten Handbewegungen – äußerst virtuos um und verausgabte sich dabei so sehr, dass er am Ende des theatralischen Events erschöpft über dem Notenständer zusammensank.

Der Dadaismus stellte die Abstraktion und Schönheit der Kunst in Frage, zerstörte sie durch Parodie und satirische Überspitzung. Prominente Vertreter dieser Kunstrichtung vom Beginn des 20. Jahrhunderts waren Hugo Ball sowie Richard Hülsenbeck, Marco Janko und Tristan Tzara. Hugo Ball verwendete in seinen Klanggedichten von 1916 gebetsmühlenartig repetierte Silben, mischte sie mit Alltagsgeräuschen, färbte sie durch verschiedene Tonhöhen und -farben. Mit brillantem Stimmeinsatz setzte das Trio Exvoco das „Simultangedicht“ um, unterhielt sich gleichzeitig in Deutsch, Englisch und Französisch über die Probleme der Wohnungssuche in einer Großstadt: ein wildes Kauderwelsch, das sich zur vielschichtigen Klangcollage mauserte.

Ganz anders Jan Kopps „Spiegelfechtereien“ von 2006, die einen Solisten ins Zentrum stellen, der sich selbst und am Ende auch dem Publikum den Spiegel vorhält. Frank Wörner brannte ein Feuerwerk vokaler Aktionen ab, produzierte Sprachfetzen, punktuelle Tonmuster, sirenenartige Glissandi und verschiedenste Geräusche – ein buntes Kaleidoskop der Klangmalereien. Nach den schillernden Farbspielen von John Cages „Aria“ brachte Exvoco zum Schluss einen Klassiker der Neuen Musik, Kurt Schwitters’ „Sonate in Urlauten“ aus dem Jahr 1923. Mit dieser Lautdichtung bewegten sich Angelika Meyer, Frank Wörner und Ewald Liska an der Grenze zwischen Sprache und Musik, sorgten für facettenreiche Färbungen und lautpoetische Virtuosität. Routine paarte sich mit Kreativität und stimmlicher Wandlungsfähigkeit: Man hörte eine profunde, von Authentizität getragene Wiedergabe.