György Ligeti: Aventures – Samuel Beckett: Spiel (Play) –

György Ligeti: Nouvelles Aventures

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Das Theaterprojekt

In seinen theatralischen Ausdrucksmitteln könnte dieser Abend kaum kontrastreicher sein: mit Ligetis „Aventures/Nouvelles Aventures“ und seinem elektronischem Musikstück „Artikulation“ sowie Becketts „Spiel“ prallen unterschiedlichste Konzepte von Theater aufeinander. Waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die dramaturgischen Mittel auf den handelnden Menschen, seine Entwicklung und Psychologie in einer szenischen Interaktion ausgerichtet, suchte man fortan auch nach neuen und anderen theatralischen Ausdrucksformen. Es galt nun auch, die gesellschaftlich bedingte Verdinglichung des Einzelnen in der technisierten Welt, seinen Verlust von Autonomie und die Absurdität der Existenz dem Zuschauer vor Augen zu führen. Sowohl György Ligeti als auch Samuel Beckett gehen dieser Frage nach und kommen mit Ihren Formen von Theater und Theatralik zu ganz unterschiedlichen Lösungen.

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G. Ligeti, 1923 in Rumänien geboren, dann in Ungarn lebend und 1956 nach Deutschland emigriert, musste zunächst die Neue Musik der westlichen Welt kennenlernen, die ihm in seinem Heimatland bisher nicht zugänglich war. Schnell erzielte er sehr beachtliche Erfolge mit seinen Uraufführungen, sei es das Orchesterstück „Atmosphères“(1961) in Donaueschingen oder „Artikulation“, eine im WDR-Studio entstandene elektronische Komposition. 1961 bekam er dann vom NDR den Auftrag für seine szenische Aktion „Aventures“, deren ersten Teil er 1962 fertigstellte und dem 1965 anknüpfend „Nouvelles Aventures“ folgte.

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Sehr schnell war ihm klar, dass er ein Stück ohne Text schreiben wollte; Theater ohne Semantik, also ohne verstehbaren Text, dafür mit zahllos vielen gestischen und emotionalen Szenenanweisungen, die neben der künstlichen Sprache eine eigene Verständnisebene bilden. Als Ausdrucksmittel dienten ihm alle vokal erzeugten Klänge, die in der Folge Repertoire der neuen Vokalmusik werden sollten: sämtliche Stimmregister, Atemgeräusche, seufzen, röcheln, schreien, lachen, singen (sic!): die ganze Palette der stimmlichen und artikulatorischen Möglichkeiten. „Aventures“ hebt mit Atemgeräusche an, „Nouvelles Aventures“ endet mit Atemgeräuschen. Und dass sich zwischen diesem ersten und dem letzten Atem ein (bzw. drei) Menschenleben abspielen, ist kaum von der Hand zu weisen. Dazwischen liegt alles, was zu einem Menschenleben gehört: Reden, Träumen, Angst und Zuversicht, Schreien und Lachen, zumeist misslungene Kommunikation und eine große Einsamkeit, die jeden umgibt. Alles drei Sänger, jeder ein Individuum mit eigenem Charakter, tickt jedoch letztendlich gleich wie die anderen und ist in sich gefangen. Ein freier Wille ist nicht erkennbar, dafür das Bemühen, sich immer wieder in Szene zu setzen, in eine Pose zu werfen und seine Wichtigkeit darzustellen. Das Marionettenhafte der Figuren ist vordergründig, wie eine Maschine spult sich das Leben ab. Auch den Aspekt des Religiösen klammert Ligeti nicht aus: nicht zufällig erklingt ein Gebetsmantra und ein Choral, kurz bevor die Protagonisten ihr Leben aushauchen.

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Das Bildkonzept und die Inszenierung wollen sich diese drei in ihrem eigenen Leben Gefangene genauer anschauen und es wird der Versuch unternommen, das Leben und die Menschen besser verstehen zu wollen, so wie es die Wissenschaft und die Kunst seit vielen Jahrhunderten (wenn nicht Jahrtausenden) probieren. Immer mehr ist man dem Subjekt auf den Leib gerückt, hat es durchleuchtet und analysiert; ja, inzwischen lassen sich Emotionen als chemische Prozesse im Gehirn darstellen. Man kann erkennen, welche Gehirnregionen in bestimmten emotionalen Zuständen aktiv sind, vorstellbar wird, dass man wird Gedanken lesen können. Hat man am Ende aber tatsächlich mehr verstanden? Diese Frage muss offenbleiben. Zurück bleibt bei Ligeti ein Leben, das in manchen Momenten eher der Bewegung in einem Hamsterrad gleicht als einem individuellen Lebensentwurf, ganz sicher nicht nur ein Thema der 60-er Jahre.

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Neben dieser überbordenden Theatralik, bei der auch die Instrumente zum Mitspieler werden, kommt einem Becketts „Spiel“ wie eine Sprachmeditation vor. Allerdings ist Becketts Entwurf von Individualität und Leben nicht weniger pessimistisch als es bei Ligeti der Fall ist.

Samuel Beckett hat sein Stück „Play“ (deutsch: Spiel) 1961 veröffentlicht, es ist eines von mehreren Kurzdramen. Bei Beckett sind die Menschen schon tot. Sie blicken zurück auf Ihr Leben, im konkreten Fall auf eine Dreiecksbeziehung – 2 Frauen, 1 Mann – und erzählen eine Geschichte, die schon tausende Mal erzählt wurde und die man deshalb auch nicht unbedingt verstehen muss. Die Figuren sind angehalten, emotionslos, sehr schnell und ohne Ausdruck zu sprechen, teilweise chorisch, was die Textverständlichkeit leiden lässt, vor allem im zweiten Teil, wenn der Text abstrakter wird und die konkrete Geschichte schon vorbei ist.

Das macht den Text vor allem auch zu einer Sprachkompositon, bei der die Lautung der Sprache im Vordergrund steht. Musikalisch könnte man es als Minimalismus beschreiben. Auch diese Menschen, sich selbst in ihrem Erleben als Individuen wahrnehmend, sind letztendlich aber ferngesteuert. Hier ist es die Lichtregie, die von außen steuert und regelt, wann jeder Einzelne zum Leben erweckt wird und sich artikulieren darf. Diese Funktion ist im Beckettschen Theater häufig als göttliche Instanz interpretiert worden. Jedenfalls gibt es für die drei namenlosen Protagonisten (im Stück F1, F2 und M) keine Chance zu entrinnen.

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Der Theaterabend ist neben der Konfrontation von Theaterkonzepten der 60-er Jahre zugleich auch ein Abend über die Sprache: über die Sprache der Sprache und über die Sprache der Musik. Neben Ligetis bedeutungslosen Textbausteinen, alle in der internationalen Lautschrift notiert, steht Becketts Theater, das ganz auf Sprache basiert und kein Theater-Spiel mehr braucht. Dazu kommt ein wichtiger Baustein: „Artikulation“, Ligetis Komposition als Sprache der Musik, hier die reine und absolute Musiksprache der elektronischen Musik. Der Komponist hat schon im Titel seiner Komposition „Artikulation“ angezeigt, wie das Stück zu verstehen ist. Und tatsächlich spricht die Musik hier zu einem in einer abstrakten, aber verständlichen Sprache, die man getrost universell nennen kann.

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